Wieso Frauen nicht mehr Gehalt einfordern

Von Vincent Amadeus
20.11.2019

whatchado: Dr. Kösten, was hat sie 1992 dazu bewegt einen Verein speziell für Frauen zu gründen?

Dr. Ingrid Kösten: Anfang der neunziger Jahre gab es dieses Angebot schlichtweg einfach nicht. Das neue Jahrtausend stand in Aussicht und alle dachten, es wird das Jahrtausend der Frauen, in dem sie alle Spitzenpositionen stürmen. Das ist es nicht ganz geworden, nichts desto trotz hat dieses Programm eine starke Resonanz hervorgerufen.

Wir haben es heute mit einer Generation von Frauen zu tun, die so gut ausgebildet ist, wie nie zuvor in der Geschichte.

Wir haben es heute mit einer Generation von Frauen zu tun, die so gut ausgebildet ist, wie nie zuvor in der Geschichte. Diese Frauen beginnen, zu Recht, die entsprechenden Positionen einzufordern. Hier existieren allerdings bereits die ersten Barrieren, denn diese Positionen sind immer noch, zum überwiegenden Teil, männlich besetzt. Unsere Aufgabe ist es, Frauen zu helfen, sich in diesen männlich-, hierarchisch-strukturierten Organisationen zu behaupten.

Müssen Frauen die besseren Männer sein, um es bis ganz nach oben zu schaffen?

Wir haben relativ wenige weibliche Rollenbilder. Ich sehe oft Frauen, die sich sehr an männliche Vorbilder angepasst haben, dadurch nicht sehr authentisch waren und dementsprechend Schwierigkeiten hatten. Oft haben diese Frauen sehr hart für ihre Positionen gekämpft. Sie haben dann aber nicht andere weibliche junge Kräfte zu sich hochgezogen, wie es Männer mit ihren jungen Nachfolgern machen.

Wir brauchen weibliche Rollenbilder.

Ich muss kein männliches Verhalten an den Tag legen, um Karriere zu machen. Wir sind der Meinung, dass Karriere absolut auch mit Weiblichkeit vereinbar ist. Diese Verschmelzung herzustellen, ist die Vision, von der wir geführt sind. Wir sehen auch die Entscheidung von Frauen, Mütter zu werden und eine Familie mit Kindern zu gründen, als Teil der Karriereplanung an. Zu einer weiblichen Karriere zählt nicht nur der berufliche Strang, auch andere Lebensbereiche fließen hier mit ein. Wir wollen eine neue Kultur zwischen Männern und Frauen entwickeln; weg von der Kampfebene kommen und erkennen, dass Mannsbilder was zu bringen haben und wir auch!

Wie sieht die Entwicklung der letzten Jahre aus? Man könnte meinen, seit 1992 ist Einiges passiert.

Ich habe lange nicht verstanden, dass man ab einem gewissen Level der Unternehmenshierarchie das betriebswirtschaftliche Denken ausschaltet. Es ist mehrfach belegt, dass Frauen und Männer, dort wo sie zusammen agieren, wirklich Spitzenteams sind. Aber dann wird plötzlich die "Genderbrille" aufgesetzt und es dürfen nur männliche Teams in diesen Ebenen agieren. Da hat sich schon etwas verändert. Die Entwicklung ist allerdings ambivalent. Heutzutage traut sich kein Unternehmen mehr zu sagen "Wir brauchen keine Frauen". Das ganze Thema rund um Diversity und Diversity Management hat diesen Entwicklungsprozess belebt, aber nicht, weil Unternehmen so frauenfreundlich sind. Sie wissen, dass Unternehmen, die Diversity Management praktizieren, auch tatsächlich erfolgreicher sind. Frauen brauchen die richtige Strategie, um sich in diesem Umfeld zu bewegen. Deswegen bieten wir eine Reihe von Seminaren an, die vor allem das Kennenlernen der nicht-festgeschriebenen Spielregeln in einem Unternehmen behandeln.

Wir wissen mittlerweile, dass durchmischte Teams einfach mehr Leistung erbringen können.

Mit welchen Herausforderungen haben Frauen zu kämpfen?

Wie geht es Frauen, wenn sie entsprechende Positionsmacht haben? Gehen sie mit der auch so um, dass sie auch ernst genommen werden? Wie können sie sich in einem vor allem männlich dominierten Arbeitsumfeld behaupten? Wie können sie sich da angemessen zeigen, ohne männliches Verhalten anzunehmen? Das Problem, das mit beruflichen Aufstieg oft einhergeht ist, dass man damit relativ oft alleine ist. Vorbilder sind selten oder gar nicht da. Es ist schon ein Stück harte Arbeit und man braucht schon eine dicke Haut, wenn man sich auf dieses Feld der Entscheidungspositionen begibt.

Wie kommt es, dass Frauen "leiser" einfordern, was ihnen zusteht?

Das hat natürlich mit der Einstellung zu sich selbst zu tun und damit, dass wir das in der Sozialisation so mitbekommen haben. Seit dem wir das Licht der Welt erblickt haben sind wir Geboten, Verboten und Weiblichkeitsvorschriften, wie eine richtige Frau zu sein hat, ausgesetzt. Wir werden an diesen Stereotypen bewusst oder unbewusst gemessen. Wir sind entsprechend dazu hintrainiert worden, leiser zu sein. Eine Frau hat lieb, nett, biegsam und schmiegsam zu sein. Natürlich sehen wir das mittlerweile alle nicht mehr so. Das Interessante ist aber schon, dass dort, wo es zu Stresssituationen kommt, also eben beispielsweise in Gehaltsverhandlungen, plötzlich alte Muster hochkommen.

Eine Frau hat lieb, nett, biegsam und schmiegsam zu sein.

"Ich muss aufpassen, dass ich mich nicht bei allen unbeliebt mache", also dieses "Everbody’s Darling Syndrom", ist etwas, dass immer noch vorhanden ist. "Ich darf nicht unverschämt sein und zu hohe Forderungen stellen." Genau diese Gedanken führen dazu, dass ich mit weniger einsteige als vergleichsweise männliche Kollegen. Es ist also ein gelerntes Verhalten, dass wir mitgekriegt haben, über die Sozialisationsgeschichte. Selbst im Rahmen von Kinderspielen steht bei Mädchen die Beziehungskomponente im Vordergrund. Dass man sich im Spiel messen kann, also im Fussball zum Beispiel, ohne danach böse oder nachtragend zu sein, auch wenn es nicht so gelaufen ist, wie ich es mir vorgestellt habe, das haben wir so oft nicht gelernt. Das bringt ganz schöne Nachteile, auch im Bezug darauf, seine eigene Leistung darzustellen.

So wie man es in einer Gehaltsverhandlung tun sollte?

Bei Gehaltsverhandlungen ist es das Um und Auf, seine Leistung entsprechend darzustellen. Da stecken viele Frauen in der klassischen Bescheidenheitsfalle. Frauen gehen schon mit einem niedrigeren Level in Gehaltsverhandlungen, weil sie bewusst — oder vielleicht unbewusst — befürchten, dass man möglicherweise ein "Nein" von der anderen Seite bekommt. Deswegen "geben wir’s ein bisschen billiger". Die Gehaltsverhandlung fängt eigentlich erst an, wenn wir ein "Nein" hören. Das ist für Viele nicht unbedingt einsichtig. Gehaltsverhandlungen kommen auf einer Skala der unangenehmen Aufgaben gleich nach dem Zahnarztbesuch. Diese ganzen Komponenten "Everybody’s Darling" sein zu wollen, der Glaube Bescheidenheit sei eine Zier, gepaart mit dieser Art von Selbst-PR, all das zusammen ergibt eine schwache Position in Gehaltsverhandlungen.

Die Gehaltsverhandlung fängt eigentlich erst an, wenn wir ein "Nein" hören.

3 Tipps, damit wir bei der nächsten Gehaltsverhandlung bekommen was wir wollen?

Es sollte im Vorfeld klar sein, dass man mit der Frage "Was haben Sie sich denn vorgestellt?" konfrontiert wird. Gemeint ist natürlich das Monetäre. Meine drei Ratschläge dazu sind:

1. VORBEREITEN

Im Vorfeld gut recherchieren, was so die Strukturen des Unternehmens und was in etwa vergleichbare Gehälter sind. Es ist wichtig, informiert in ein Vorstellungsgespräch zu gehen, denn dort setzen die meisten aus. Ein sehr wichtiger Tipp: Wenn man sofort eine Zustimmung bekommt, nachdem man seine Vorstellung genannt hat, weiß man, dass man viel zu niedrig angesetzt hat.

2. SELBSTBEWUSST SEIN

Es gibt noch eine andere Gefahr, die ich auch manchmal bei Frauen beobachte, nämlich dass sie sehr stark selbstbewusst auftreten. Grundsätzlich begrüße ich das. Allerdings nur, wenn es ein profundes Selbstbewusstsein ist, sonst kann das gefährlich werden. Das geht dann leicht in die Arroganz. Wir müssen nicht arrogant sein. Da muss man vorsichtig sein, nicht sofort Abwehrmechanismen bei dem Gegenüber loszulösen.

Wir müssen nicht arrogant sein.

3. REALISTISCH BLEIBEN

Wichtig ist auch, dass man bei den Forderungen realistisch bleibt, dass man weder über- noch untertreibt. Hier sollte man versuchen, sich durch das Einholen von Informationen, einen realistischen Zugang zu erarbeiten. Also Vorbereitung ist auch hier ein ganz wichtiger Punkt.

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