Beruf + Berufung: «Die Angst zu verdrängen, wäre die dümmste Strategie»

By Mathias
11/17/2018
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Alexander Huber, Sportkletterer und Extrembergsteiger

In der Kletterszene ist Alexander Huber ein Held. Keine Wand war zu steil, kein Abenteuer zu kühn für den bayrischen Extremkletterer. Nun legt der 45-Jährige ein bemerkenswertes Buch über die Angst vor. Er schreibt darin nicht nur über eigene Versagens- und Todesängste, sondern auch darüber, warum es sich für alle lohnt, der Angst ins Auge zu sehen und sie zum Freund zu machen.

Interview: Mathias Morgenthaler

Fotos: Ecowin, Heinz Zak, Franz Hinterbrandner

Herr Huber, wenn man Sie ungesichert an einer Hand 500 Meter über dem Boden am Fels hängen sieht, denkt man unweigerlich: Einer wie Sie hat offenbar keine Angst.

ALEXANDER HUBER: Ja, das ist ein weit verbreiteter Eindruck. Weil wir keine Nerven zeigen, sagt man von uns Extrembergsteigern, wir hätten keine Angst. Das Gegenteil ist richtig: Wir pflegen einen sehr intensiven Umgang mit der Angst. Wir verdrängen sie nicht, sondern wir machen sie zu unserem besten Freund. Wäre ich frei von Angst, könnten wir uns heute nicht mehr unterhalten. Dann wäre ich schon längst abgestürzt oder in einer Lawinen umgekommen. Die Angst mahnt uns zur Vorsicht und garantiert so unsere Sicherheit. Das gilt nicht nur für den Berg, sondern auch für den Straßenverkehr. Kinder sind zunächst angstfrei unterwegs, weil sie keine Vorstellung von den Gefahren haben. Deshalb müssen wir sie schützen.

Der Schweizer Arzt und Bergsteiger Oswald Oelz sagte einmal, jeder Zweite, der schwierige Achttausender besteige, sterbe frühzeitig. Sie haben vermutlich schon einige Freunde am Berg verloren?

Nein, ich habe noch keinen einzigen Freund durch einen klassischen Bergunfall verloren. Einer ist beim Überqueren eines Bachbetts ausgerutscht, mit dem Kopf auf einem Stein aufgeschlagen und dann ertrunken. Es war keine angsteinflößende Situation, aber ein Zwischenfall mit tödlichem Ausgang. Ich glaube, dass nur wenige Extrembergsteiger wirklich leichtfertig mit ihrem Leben spielen. Aber eins ist klar: Bergsteigen ist nicht Golfspielen. Selbst bei einer an sich harmlosen Skitour in den Alpen kann man unter ungünstigen Bedingungen unter einer Lawine begraben werden. Die Lawine fragt nicht nach der Erfahrung oder dem Schwierigkeitsgrad, den man klettern kann.

Dennoch stellt sich die Frage: Sind Sie lebensmüde oder besonders lebenshungrig, dass Sie immer wieder ans Limit gehen?

Ich bin sicher nicht lebensmüde. Durch besondere Aktionen am Berg schaffe ich mir unvergessliche Erinnerungen. Wenn ich «free solo» klettere, also alleine und ohne jede Sicherung, dann hängt mein Leben ja tatsächlich an den Fingerspitzen. Gleichzeitig hänge ich in diesen Momenten enorm an meinem Leben. Ich gehe ein maximales Risiko ein, weiß um die Allgegenwart der Gefahr und bin deshalb extrem konzentriert. Es gibt in diesem Moment keine Vergangenheit, keine Zukunft, keine Gedanken, keine Aussenwelt. Nur mich und den Fels und die nächste Bewegung. Das ist eine sehr ehrliche, archaische Angelegenheit.

Schätzt man das Leben mehr, wenn man es von Zeit zu Zeit aufs Spiel setzt?

Es ist tatsächlich so: Die komplette Reduktion auf mich selbst und die totale Unmittelbarkeit des Todes offerieren mir ein ungetrübtes Bild auf die Bedeutung des Lebens. Es kommt doch nicht nur darauf an, wie viele Jahre wir leben. Viel wichtiger ist, wie wir die gelebten Jahre erlebt haben, wie viele bunte Seiten es am Ende gibt im Buch unseres Lebens. Manche werden 80-jährig und haben kaum bleibende Erinnerungen. Wenn ich mein Leben als Einsatz ins Spiel bringe, wird das Erleben so tief und intensiv wie nur irgendwie möglich. Dann bin ich ganz im Jetzt, ganz im Leben.

Diese Momente sind vergleichbar mit einem Drogenrausch und haben Suchtpotenzial. Wie schützen Sie sich vor einer Überdosis?

Der Vergleich ist unpassend. Mag sein, dass im Gehirn ähnliche chemische Prozesse ablaufen, aber das Setting ist ein ganz anderes. Die intensiven Erlebnisse am Berg kommen nicht wie ein Drogenflash, sie haben eine lange Vorgeschichte. Man bereitet sich minutiös vor und durchlebt in den Tagen und Stunden vor einer schwierigen Besteigung ein Wechselbad der Gefühle.

In der Nacht vor Ihrer Direttissima an der Großen Zinne in den Dolomiten sind Sie vor dem inneren Auge zu Tode gestürzt, wie Sie im Buch schreiben. Das klingt nicht nach einer idealen Vorbereitung.

Ja, das war eine qualvolle Nacht, geprägt von Versagens- und Todesängsten. Aber es war wichtig, der Angst ins Auge zu sehen, zu sehen, was sie mit mir macht. Wenn du mehrere hundert Meter ungesichert in einer schwierigen, an vielen Stellen überhängenden Wand klettern willst, kannst du unmöglich analytisch errechnen, ob du das schaffst oder nicht. Es ist dein Bauchgefühl, das dir sagt, ob du in die Wand einsteigen darfst oder nicht, ob du im oberen Drittel, wenn du müde bist und im 9. Schwierigkeitsgrad kletterst, noch alles im Griff haben wirst. Das Bauchgefühl muss erkennen, welches Gefühl die Oberhand hat: das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten oder die Angst. Die Angst zu verdrängen, wäre die dümmste Strategie. Ich brauche sie, sie ist meine zuverlässigste Beraterin.

Das mag im Vorfeld zutreffen. Wenn Sie aber hoch oben in der Wand hängen, wäre es fatal, Angst zu haben.

Die Angst ist vom ersten bis zum letzten Meter dabei, sie sorgt dafür, dass ich konzentriert und fokussiert bleibe. Fatal wären Nervosität oder Panik. Das wären Zeichen von Überforderung oder verdrängter Angst. Oft geht vergessen, dass Angst nicht per se eine destruktive Kraft ist. Sie ist ein enormer Gefühlsverstärker, im Guten wie im Schlechten. Es ist über elf Jahre her, dass ich die Große Zinne durchklettert habe, aber ich kann mich heute noch an jedes Detail erinnern: wie ich die Schuhe gebunden habe, in die Wand eingestiegen bin, mich hingesetzt und kehrt gemacht habe, ein zweites Mal eingestiegen bin und dann alle Schwierigkeiten gemeistert habe, Griff für Griff. Das ist alles abgespeichert, ich kann diesen Film jederzeit abspielen.

Wirkt da das alltägliche Leben nicht fad im Vergleich?

Ich zehre von diesen intensiven Erlebnissen, aber es käme mir nicht in den Sinn, so etwas zu wiederholen. Ich glaube vielmehr, dass mir diese Momente am Berg erlauben, auch in anderen Lebensbereichen mehr Emotionen zu empfinden. Ich bin kein Neurologe, aber ich vermute, wenn wir die Angst überwinden und Grenzen verschieben, verändert sich etwas in unserem Gehirn und unser Wahrnehmungsspektrum erweitert sich.

Sie sind viele Routen geklettert, bei denen dem Betrachter der Atem stockt. Gab es Momente unkontrollierter Angst?

Bei freien ungesicherten Touren nicht – sonst würden wir uns jetzt nicht unterhalten. Ich erinnere mich aber an eine Situation, die mir nachhaltig Angst machte. 1997, auf einer Expedition zum Latok II in Pakistan, mussten wir nachts bei Steinschlag ein enges Couloir runtersteigen. Das waren drei Stunden voller Angst, weil wir offensichtlich keinen Einfluss darauf hatten, ob wir das überleben oder nicht.

Sie haben immer wieder das Schicksal herausgefordert mit spektakulären ungesicherten Klettertouren. Sind Sie nie abgestürzt?

Bei den Dreharbeiten zum Film «Am Limit» im Yosemite Valley war ich mit Kameramännern in relativ steilem Gelände unterwegs. Einer von ihnen hatte sich in eine ungemütliche Situation begeben. Ich wollte ihn hochziehen. Als ich mich vorbeugte, brach der Griff aus, an dem ich mich festhielt – ich fiel 17 Meter in die Tiefe. Das war ein typischer Zwischenfall. Oft geschieht ein Unglück, wenn man abgelenkt ist und jemanden retten will. Man vergisst dann leicht, dass die eigene Sicherheit immer vorgeht. Ich hatte großes Glück, dass nur das Fußgelenk verletzt wurde. Der dumme Sturz hätte mich auch das Leben kosten können.

Fürchten wir uns nicht nur am Fels, sondern auch im Alltag vor den falschen Dingen?

Das ist einer der Gründe, warum ich mein Buch über die Angst geschrieben habe. Wenn wir uns unseren Ängsten nicht stellen, sind wir immer mit angezogener Handbremse unterwegs. Die Angst vor der Angst kann sehr lähmend sein, ich habe das selber erlebt. Wer seine Ängste verdrängt, wird umso mehr von ihnen gesteuert. Da helfen dann keine Vorsicht und keine Versicherung. Wenn wir uns nicht vor unseren Problemen verstecken, sondern eine Lösung finden wollen, können wir keinen Bogen um die Angst machen. Der Weg ist meistens dort, wo die Angst ist.

Welches waren Ihre Ängste?

Ein schwieriger Moment war, als ich mich entschloss, das Klettern zu meinem Beruf zu machen. Bis dahin dachte ich: Ich bin Physiker und habe das schönste Hobby der Welt. Klettern war reine Freude. Als ich das Klettern zum Beruf machte, kam mir die Leichtigkeit abhanden. Ich wurde erfolgsabhängig und entsprechend unruhig, wenn der Erfolg einmal ausblieb. Die Rückschläge setzten mir zu, ich hatte Existenzängste und fühlte mich als Person des öffentlichen Lebens permanent unter Druck. Ich versuchte, selber damit klarzukommen, aber wenn man sich solchen Ängste nicht stellt, dann wirken sie im Hintergrund weiter und vermehren sich. Irgendwann wird dir klar, dass die Angst dich im Griff hat.

Wie spürten Sie das?

Das generelle Angstgefühl zog in meinem Fall viele weitere Ängste nach sich. Wenn ich in der Zeit meiner grössten Krise vor zehn Jahren bei einem öffentlichen Auftritt mit einer kritischen Frage konfrontiert wurde, war ich sofort gestresst und konnte nicht souverän reagieren. Ich litt unter Herzbeschwerden und Kopfschmerzen und fürchtete mich davor, einen Herzinfarkt zu erleiden oder an einem Hirntumor zu erkranken. Natürlich konnte mir kein Arzt helfen, denn es waren irrationale Ängste, Ableger meiner Versagens- und Existenzangst. Schließlich war ich so verunsichert, dass ich eine Südamerika-Expedition abbrechen und nach Hause fliegen musste. Dort zog ich mich zurück. Ich mied das Training mit meinen Freunden aus Angst davor, dass sie mich fragen könnten, was los sei mit mir.

Wie fanden Sie aus dem Teufelskreis heraus?

Mit der Zeit brachte ich den Mut auf, zu meiner Angst zu stehen. Ein Freund empfahl mir einen Psychologen. So lernte ich, mit der Angst umzugehen und daran zu wachsen. Im Rückblick wünschte ich, ich wäre früher stark genug gewesen, mir Hilfe zu holen.

Sie sind jetzt 45-jährig. Haben Sie Angst, nicht mehr mithalten zu können mit den 25-Jährigen?

Das ist keine Angst, das ist eine Realität. Die Angst sagt mir klar und deutlich, was ich nicht mehr machen sollte. Es wäre dumm, als 45-Jähriger mit den 20-Jährigen zu wetteifern. Ich muss meine Aktivitäten laufend anpassen und akzeptieren, dass ich keine Spitzenleistungen als Sportkletterer mehr erbringen kann. Auch die Ausdauer nimmt ab, wenn auch weniger schnell als die Kraft. Heute kann ich vor allem die mentale Stärke und die Erfahrung in die Waagschale werfen. Das wird mir hoffentlich das eine oder andere Highlight als Höhenbergsteiger ermöglichen. Aber ich werde die nächsten 20 Jahre nicht mehr so rekordverdächtig unterwegs sein wie in den letzten 20 Jahren.

Das muss schwierig sein für einen, der immer die Rekorde gejagt hat.

Natürlich waren und sind mir Erstbegehungen wichtig. Die Aussicht, als Pionier neue Horizonte zu erobern, hat mich immer angetrieben. Ich glaube, dieses Bedürfnis, die Grenzen zu verschieben, ist in jedem Menschen angelegt. Da es heute kaum noch weisse Flecken auf der Weltkarte zu erkunden gibt wie zu den Zeiten der Pioniere Shackleton, Amundsen oder Hillary, richtet sich der Fokus mehr nach innen, auf das eigene Erleben. Es geht letztlich nie darum, den Berg zu bezwingen – man besiegt immer nur das eigene Ich und seine Angst. Bei Pioniertaten kommt die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit als schöne Belohnung dazu.

Man wirft Ihnen regelmässig vor, dass Ihre riskante Tätigkeit völlig nutzlos sei. Sind Sie anderer Meinung?

Nein, da stimme ich zu. Das Bergsteigen ist völlig nutzlos, aber nicht sinnlos. Wenn ich das Leuchten in den Augen meines Vaters sehe, dann weiss ich, dass dieser Mensch glücklich ist. Ich wünsche mir, dass jeder etwas tun kann, das ihn erfüllt. Wer seine Leidenschaft zu seinem Beruf machen kann, ist zufriedener und kann auch anderen mehr geben.

Hätten Sie Freude, wenn Ihre Kinder dereinst ähnliche Risiken eingingen am Berg wie Sie?

Es wäre schön, wenn meine Kinder Bergsteiger würden. Entscheidend ist aber nicht, was sie tun, sondern ob ihr inneres Feuer brennt und sie den Mut haben, ihrer Leidenschaft zu folgen. Dazu will ich sie ermutigen. Viele Eltern sind auch bei der Erziehung ihrer Kinder von Ängsten geleitet. Sie bestehen darauf, dass ihre Kinder etwas Vernünftiges und Sicheres tun – als wäre das Wichtigste im Leben, alle Risiken zu vermeiden. Mein Bruder und ich stammen aus einer Bergsteigerfamilie, unsere Eltern haben uns deshalb nie gebremst. Natürlich war meine Mutter ab und zu besorgt. Sie hatte aber selbst bei meinen gefährlichsten Klettertouren weniger Angst, als wenn ich mit meinem Vater im Auto unterwegs bin. Da müssen wir sie immer wissen lassen, dass wir sicher angekommen sind.

Das neue Buch:

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Alexander Huber: Die Angst, dein bester Freund. Mit Beiträgen von Lukas Eberle. Ecowin Verlag, Salzburg 2013.

Alexander Huber «free solo»

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Zur Person:

Alexander Huber, Jahrgang 1968, ist staatlich geprüfter Berg- und Skiführer, Kletterprofi und diplomierter Physiker. Er und sein älterer Bruder Thomas sind als die Huberbuam bekannt. Alexander Huber zählt zu den erfolgreichsten Allround-Bergsteigern der Welt und beherrscht auch den Free-Solo-Stil, das Klettern ohne Seil und Absicherung. 2008 bekam er den Bayerischen Sportpreis in der Kategorie «Botschafter des bayerischen Sports» verliehen. Für ihren Dokumentarfilm «Am Limit» erhielten die Huberbuam den Bayerischen Filmpreis. Alexander Huber lebt mit seiner Familie in Marktschellenberg.

Weitere Interviews mit Querdenkern und Unternehmerinnen auf www.beruf-berufung.ch

Das Buch zum Thema: www.aussteigen-umsteigen.ch