Michael NiavaraniKomiker

"Das Schreiben von komischen Dingen ist genau so langweilig, wie jeden Tag ins Büro zu gehen", sagt Komiker Michael Niavarani. Selbst in den traurigsten Momenten sei er oft hilflos, da seinem Komikerhirn eine blöde Pointe einfalle. Seit seinem 17. Lebensjahr widmete der Schulabbrecher seine gesamte Energie dem Theater und der Komik: "Das Theater war meine Schule". Warum er seinem 14-jährigen Ich rät, homosexuell zu werden und er sich manchmal wünscht, das Publikum würde nachhause gehen, erzählt er hier.

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Transkript

Drei Ratschläge an Dein 14jähriges Ich!

Erstens, lasse dich nicht mit Frauen ein, werde homosexuell. Zweitens, fange nie was mit Frauen an, wenn dir mit den Männern langweilig ist. Bleib homosexuell. Und Drittens, wenn du eine Frau siehst, lauf davon, suche dir einen Mann und werde homosexuell.

Was steht auf Deiner Visitenkarte?

Ich habe keine Visitenkarte, aber hätte ich eine, würde draufstehen, Michael Niarvarani, Komiker.

Was ist das coolste an Deinem Job?

Der Moment auf der Bühne, wo du dann merkst, obwohl ich jetzt schlecht drauf bin und jetzt vielleicht depressiv, grantig, was auch immer bin, die 500 da unten haben einen fantastischen Abend. Und die gehen raus und haben gelacht. Und die sagen nachher, es kommen dann manchmal Leute und sagen, Wahnsinn, ich habe schon lange nicht mehr gelacht. Und ich möchte immer drauf sagen, Wahnsinn, und ich war schon lange nicht mehr so traurig während der Vorstellung. Aber das ist dann der Moment, wo man denkt, siehst du, das hat sich doch auszahlt, wenn man Menschen etwas gegeben hat. Und wenn man Menschen ermöglicht hat, dass sie zwei Stunden ihre Sorgen vergessen und über sich selbst oder über die Gesellschaft oder über mich lachen können. Und das ist der Moment, der einem dann, das hilft natürlich zwischen 19 und 20 Uhr nicht. Also zwischen 19 und 20 Uhr sitze ich so in der Garderobe, mit den Worten, ich kann nicht mehr. Sie sollen alle scheißen gehen, ich will heute nicht spielen. Ich bin so müde, ich kann nicht, leckt mich am Arsch. Aber dann, wenn die Leute lachen und wenn die Vorstellung halbwegs gut ist, dann erfüllt einen das mit großer Freude. Und dann macht der ganze Beruf wieder Sinn.

Welche Einschränkungen bringt Dein Job mit sich?

Das erste ist, dass ein normales Familien- und Privatleben als Schauspieler oder als Kabarettist fast unmöglich ist oder sehr schwierig ist. Weil wir Zeiten haben vor einer Premiere, eineinhalb oder zwei Wochen vor einer Premiere ist man manchmal 18 Stunden im Theater. Und es ist wahnsinnig schwierig, das Privatleben oder das Familienleben damit in Einklang zu bringen. Das zweite ist, dass man durch die Aufregung und die Nervosität in einen körperlichen Zustand jeden Abend versetzt wird, der einer sehr großen Adrenalinausschüttung zu tun hat. Das heißt, der Körper kriegt jeden Tag, bei jeder Vorstellung so viel Adrenalin wie ein normaler Mensch bei seiner Hochzeit oder bei seiner Scheidung oder bei einer Prüfung. Das haben wir jeden Tag. Wir sind jeden Tag wahnsinnig nervös. Es wird natürlich weniger von Vorstellung zu Vorstellung, aber es bleibt da. Das heißt, man wird dann psychisch, es ist immer so eine Euphorie, Nervosität, Nervosität, Euphorie, Euphorie, Euphorie. Dann ist die Vorstellung aus und dann sitzt man meistens ganz alleine irgendwo zu Hause oder mit irgendwelchen Kollegen in einem Lokal. Und man muss lernen, damit umzugehen, dass man vor wahnsinnig vielen Menschen etwas erlebt, was einen selber bewegt, was die Menschen bewegt. Dass das aber, wie bei der Prostitution, nur ein Geschäft ist und dass man nachher wahrscheinlich allein ist.

Worum geht es in Deinem Job?

Aus meiner Sicht geht es darum, in erster Linie die Leute zum Lachen zu bringen. Die Menschen zu unterhalten mit Themen, die einem selber wichtig sind. Oder, die einem selber witzig und würdig vorkommen, erzählt zu werden. Komikern sein heißt, dass man bis zu einem gewissen Grad ein Gehirn haben muss, das so funktioniert, dass man selbst in den traurigsten Momenten hilflos ist, weil einem eine blöde Pointe einfällt. Also ganz wichtig ist, dass man das Leben versucht, nicht versucht, man sieht das Leben einfach von der komischen Seite, von der absurden Seite, von der schrägen Seite. Und was man als Zuschauer natürlich nicht mitbekommt, ist, dass, wenn man ein Solo spielt und oben steht, zwei Stunden, dass man dafür acht Wochen, neun Wochen, manchmal zwei, drei Monate gearbeitet hat. Und das Schreiben von komischen Dingen ist genauso langweilig wie jeden Tag ins Büro zu gehen. Weil, das tut man dann. Man geht jeden Tag ins Büro. Ich setze mich vor meinen Computer und versuche, mir witzige Dinge zu überlegen. Oder die witzigen Dinge oder die interessanten Dinge, die mir eingefallen sind, aufzuschreiben. Also die Arbeit, die dahinter steckt, die Mühsal, das soll aber der Zuschauer auch gar nicht sehen. Weil, sonst würde man sie auch nicht so komisch finden.

Wie sieht Dein Werdegang aus?

Ja, meinen Werdegang in einer Minute zu erzählen, ist fast zu lang. Ich habe keine Matura gemacht, bin aus der Schule raus, bin Schauspieler geworden, dann Kabarettist und jetzt Komiker. Ich habe in der Schule schon begonnen, in einer Bühnenspielgruppe mitzuspielen. Also nicht nur mitzuspielen, ich habe sie sogar gegründet mit einem Schulkollegen von mir. Und bin irgendwann drauf gekommen, dass dieser Moment da oben, wo da unten ein paar Hundert Leute oder 50 Leute sitzen, die einem zuschauen. Und wenn die dann lachen, dass das ein magischer Moment ist. Und habe das Gefühl gehabt, dort bin ich zu Hause, da muss ich unbedingt hin. Und habe versucht, das zu erreichen und habe alles Mögliche getan, um auf die Bühne zu kommen. Und um die Leute zum Lachen zu bringen. Und habe meine Liebe und meine ganze Kraft, mein ganzes Herz dazu verwendet, um das zu erreichen. Ich glaube, ich bin der einzige Mensch in diesem Beruf, der noch nie gearbeitet hat. Ich habe mein Lebtag nichts anderes gemacht als geschrieben, gespielt und geprobt. Ich hatte nie einen Job als Kellner, ich habe nie, nichts, also ich habe immer nur, seit meinem 17. Lebensjahr beim Theater gearbeitet.

Ginge es auch ohne Deinem Werdegang?

Ich glaube, dass ich eine Ausnahmesituation war, was meinen Werdegang betrifft. Ich habe die Möglichkeit gehabt, mit 17 Jahren, mit 17, 18 Jahren in einem Kellertheater zu spielen, sechs Jahre lang. Ich habe sechs Jahre lang gespielt, nichts verdient. Ich habe 37 Rollen gespielt. Wir hatten 30 Sitzplätze. Es waren manchmal nur vier, fünf, zehn Leute da. Und das war meine Schule. Und mein Werdegang ist etwas sehr, sehr Eigenartiges. Weil ich habe auch keine Schauspielausbildung, bin nie in eine Schauspielschule gegangen. Habe keinerlei Zertifikate vom Staat, dass ich geeignet bin, diesen Beruf auszuüben. Und das ist etwas sehr, sehr Seltenes und etwas sehr Eigenartiges, würde ich mal sagen. Das heißt, ich würde jemanden empfehlen, wenn die Leidenschaft und die Liebe wahnsinnig groß ist, ein Kellertheater zu gründen, wie auch immer. Ein grindiger kleiner Keller mit 30 Sitzplätzen und gleichzeitig aber auch Unterricht zu nehmen. Und gleichzeitig zu schauen, ob man vielleicht in einer Schule unterkommt. Ich habe schon Unterricht gehabt, nicht in einer Schule. Ich habe mit Schauspielern gearbeitet, ich habe Sprachunterricht gehabt, ich habe Gesangsunterricht gehabt. Aber keine Ausbildung, wo man jeden Tag hingeht. Und nachdem das eine Ausnahmesituation ist, kann ich diesen Werdegang ja kaum empfehlen. Außer, das Einzige, was ich sagen kann, ist, wenn die Leidenschaft so groß ist und die Liebe zum Theater so groß ist, einfach ein Kellertheater gründen. Das ist das Einfachste.